Engagement für partizipative Global Governance als Lebenspraxis zwischen Weltschmerz und Welt-Glück

März 20, 2013

Text:
John Bunzl (Simpol-Initiator)
Übersetzung:
Anke Lessmann (Leadlink Übersetzungskreis Simpol-DE) 19.03.2013

Oft wird gesagt, Gegensätze bedingten sich gegenseitig. Wenn es keine Nacht gäbe, was wäre dann ein Tag, was würde er überhaupt bedeuten? Genauso ist es mit dem Glück. Man könnte sagen, in vollem Maße leben und erleben wir pure Freude nur vor dem Hintergrund, zu wissen, wie es sich anfühlt, deprimiert zu sein. Es ist wie bei einer Wippe: je tiefer die eine Seite gehen kann, desto höher kann sich die andere erheben.

Wenn jetzt (am 20.03.2013) Organisationen in der ganzen Welt den ersten ‚Internationalen Tag des Glücks‘ der UNO feiern (UN International Day of Happiness), scheint es klar zu sein, dass das Thema Glück auf globaler Ebene zunehmende politische Aufmerksamkeit genießt – aber haben wir eigentlich die entsprechenden Institutionen, die sich globalem Unglück wirkungsvoll entgegenstellen können?

Eindeutig zu bestimmen, wie glücklich wir uns fühlen, ist schwierig, weil in jedem/jeder von uns uneingestandenes Leid lauert; unterbewusste Ängste, die auf einer so tiefen Ebene nagen, dass wir sie verdrängen und verleugnen. Der Gesamteffekt ist, dass sich unsere Fähigkeit zur Freude trübt; dass wir uns „ganz OK fühlen, aber…“
Selbst in diesen Zeiten der Sparprogramme mögen viele von uns im Westen immer noch das Gefühl haben, dass es uns gut geht; wir mögen uns immer noch „glücklich“ fühlen. Aber tiefer in uns lauern diffuse Angst und Bedrücktheit angesichts einer Welt, die außer Kontrolle geraten ist; einer Welt, in der wir vielleicht finanziell relativ wohlhabend sind, in der wir aber auch tiefe Unsicherheiten in uns tragen im Hinblick auf die Armut und das Leiden unserer Mitmenschen, auf den sich verschlechternden Zustand des Weltklimas, auf das Versiegen der Ölquellen, auf die horrende Kluft zwischen Reich und Arm, und so weiter. Kurz gesagt, wir sind beunruhigt über den Mangel an Glück im Leben der anderen.

Dieses uneingestandene Leid ist, was die deutsche Sprache „Weltschmerz“ nennt – der Schmerz, den wir notwendigerweise fühlen, weil so viele unserer Mitmenschen nicht glücklich sein können. Irgendwie stellen wir fest, dass wir, wohlhabend hin oder her, nicht wirklich, nicht restlos glücklich sein können, so lange andere es nicht auch sind. Wir können uns nicht wirklich sicher fühlen in unserem Wohlstand, wenn dieser mit dem Leiden anderer einhergeht. Dieses mitfühlende Bedürfnis ist die Lektion, die die Globalisierung für uns bereithält  –  vielleicht mehr als alles andere.

Im persönlichen Nahbereich hängt unser Glück vom Glück unserer Familie und unserer engen Freunde ab. Eine glückliche Familie ist eine, in der jedes Mitglied ihren Bedürfnissen entsprechend genährt und versorgt wird, in der jeder/jede das Gefühl hat, mitreden zu dürfen, und in der etwaiges Fehlverhalten in stimmiger Weise sanktioniert wird.
In der kollektiven gesellschaftlichen Dimension unseres Lebens ist Glück viel weniger persönlich, viel weniger fassbar – aber nicht weniger wichtig. Die zentrale Möglichkeit, wie wir Glück auf dieser Ebene erreichen und danach streben können, ist demokratische Mitbestimmung; durch unsere Beteiligung in der Gesellschaft als ein Bürger/eine Bürgerin mit einer Regierung, die, bis zu einem bestimmten Grad, auf unsere Bedürfnisse und Meinungen reagiert. Die Nation ist, in gewisser Weise, wie eine Familie ‚in groß‘.
Aber wenn es zu unserem kollektiven ‚Weltschmerz’ kommt, ist es nur zu offensichtlich, dass wir keine kompetenten globalen Institutionen haben, die fähig wären, globale Probleme zu lösen und uns Glück zu verschaffen. Und bis wir diese Institutionen haben, behalten wir unseren Weltschmerz.
Wenn wir unsere Mitmenschen nur dann von ihren Leiden befreien können, wenn wir uns von unserem eigenen Leid befreien, wird deutlich, dass wir für unsere „Glücks-Institutionen“ eine weitere Ebene einfügen müssen. Auf der Mikroebene haben wir die Institution der Familie, auf der lokalen Ebene die lokalen Autoritäten, auf nationaler Ebene die Regierungen. Aber was haben wir und was tun wir auf globaler Ebene?
Wenn wir unseren Schmerz adäquat ernst nehmen und überwinden wollen, müssen wir jetzt eine angemessene Form der globalen Selbstorganisation einführen; eine Form der Steuerung, die wahrhaftig fähig ist, globale Probleme mit gemeinsamer Entschiedenheit anzugehen, so dass wir alle glücklich sein können; so dass wir das volle Potenzial für unser eigenes Glück entfalten können, in dem wir alle unsere Mitmenschen ebenfalls glücklich machen.

Die Botschaft des ‚Tags des Glücks‘ und aller Aktivitäten um diesen #Glückstag herum ist klar – Glück ist mehr als nur glücklich sein auf der rein persönlichen Ebene, mehr als das Aufarbeiten unserer persönlichen Schatten. In einem globalisierten Umfeld, in dem wir uns des Leidens der anderen voll bewusst sind, ist diese Art des Glücks vermutlich gar nicht möglich. In dem Moment, wo wir einen Glücks-Ansatz feiern, der darauf fokussiert, andere glücklicher zu machen und unsere globalen Schatten auszuleuchten, in dem Moment sind wir gestärkt dafür, diejenige Art der globalen Selbstorganisation umzusetzen, die das Glück aller Weltbürger zur politischen Priorität machen könnte.
Wir sitzen alle im selben Boot, aus dem es auch emotional kein Entkommen gibt. Lasst uns die globale Ebene so selbst-organisieren, dass wir welt-glücklich sein können.

(Die englische Originalversion des Beitrags erschien in der Huffington Post)


Ein Upgrade der politischen Anreiz-Struktur – von nationalem Gegeneinander zu globalem Miteinander

Februar 18, 2013

Das Problem: Regulierungsvakuum für globale Krisen und Herausforderungen

Viele Problemfelder (Klimawandel, Finanzmarkt, absolute Armut usw.) sind globale Probleme, die folglich nur durch globale Maßnahmen bewältigt werden können. Im Grunde gibt es viele sehr gute und vermutlich wirksame Lösungsansätze, die aber gar nicht oder erst zu spät umgesetzt werden können. Dies liegt u.a. an einer fehlenden Instanz zur Adressierung globaler Probleme. Nationalstaatliche Akteure stehen unter einem immensen Druck, die Attraktivität ihres Hoheitsgebietes als Standort für Unternehmen zu sichern, nicht zuletzt wegen der damit verbundenen Wohlfahrtseffekte, die in Abhängigkeit von wirtschaftlicher Aktivität auf ihrem Territorium stehen. Der globale Wettlauf um die niedrigsten Sozial- und Umweltstandards ist eine logische Konsequenz dieser ungünstigen Anreizstruktur. Viele PolitikerInnen wissen um diese Problematik, können sich aber nicht aus dem Dilemma befreien. Sie sehen sich gezwungen, weiterhin die Interessen ihres Staates bzw. der Unternehmen auf ihrem Territorium in den Vordergrund zu stellen, weil dies der mehrheitlichen Erwartungshaltung an ihre Rolle entspricht.

Viele BürgerInnen sind sich der globalen, existenzbedrohenden, sozial-ökologischen Problemlage bewusst und machen angesichts dieser Krise entweder „der Politik“ (insbesondere PolitikerInnen) oder „der Wirtschaft“ (insbesondere ManagerInnen) Vorwürfe, zu versagen; sei es wegen individueller Vorteilnahme (Korruption, Profite) oder – etwas nachsichtiger – aufgrund von Unvermögen infolge struktureller Zwänge.

Die Simpol-Idee: globale Politik weltweit simultan initiieren

Grundsätzlich kann eine global agierende Wirtschaft nur durch adäquate Rahmensetzung – die Kernkompetenz der Politik – verbindlich reguliert werden. Dieses Regelwerk kann nur dann Wirksamkeit entfalten, wenn es weltweit gilt. Solche globalen Regularien scheitern bisher in der Praxis an verschiedenen Hürden:

1. Zustimmungsproblem: Alle oder zumindest eine hinreichend große Anzahl an Nationalstaaten müssten zustimmen. Die Zustimmung einzelner Nationalstaaten hängt davon ab, inwieweit sie sich als Profiteure oder Verlierer des Lösungsvorschlags bzw. der neuen Regeln sehen (wobei das, was als Verlust bzw. Sieg gedeutet wird, je nach Wertvorstellungen variiert). Weltweite Zustimmung ist prinzipiell möglich, wenn eine Regel bzw. ein Bündel von Regeln so gestaltet ist, dass einerseits ein wirksamer Beitrag zur Lösung der globalen Probleme erwartet werden kann und andererseits daraus keine einseitigen Belastungen oder Vorteile für einzelne Nationalstaaten entstehen.

2. Umsetzungsproblem: Die neuen Regeln müssen simultan (gleichzeitig) in möglichst allen Teilen der Welt eingeführt und wirksam gemacht werden. Wenn nur vereinzelte Staaten neue Regeln einführen, riskieren sie diejenigen Wohlfahrtseffekte, die aus der wirtschaftlichen Aktivität auf ihrem Grund resultieren.

Bezüglich des Zustimmungsproblems sieht Simpol vor, alle Simpol-BefürworterInnen (BürgerInnen, PolitikerInnen, Parteien, NGO’s usw.) sowie ExpertInnen, WissenschaftlerInnen und andere Interessierte regional, national und global an der Entwicklung von Lösungen zu beteiligen. Lösungsansätze, Maßnahmen und Maßnahmenpakete können permanent und solange überarbeitet werden, bis eine hohe Zustimmungsbereitschaft erreicht ist. Die Auswahl von Maßnahmen oder -paketen geschieht in einem demokratischen Prozess.

  • indem alle globalen Probleme simultan mitgedacht und bearbeitet werden, können potentielle Kollateralschäden (Überbelastung oder Nachteile für Regionen oder Nationalstaaten) besser verhindert, erkannt und kompensiert werden (Adressierung des Zustimmungsproblems);
  • auf diese Weise erarbeitete Simpol-Maßnahmen werden implementiert, sobald dazu weltweit die politische Bereitschaft besteht (Adressierung des Umsetzungsproblems).

Der Simpol-Prozess bezüglich des Umsetzungsproblems:

Das Problem der PolitikerInnen in allen demokratischen Nationalstaaten:
PolitikerInnen müssen, um gestalten zu können, wiedergewählt werden. Sie sind gezwungen, ihre Politik am (mehrheitlichen) Wählerwillen zu orientieren. Da national durchgeführte Lösungsanstrengungen für globale Problemfelder meist erhebliche nationale Wettbewerbsnachteile bedeuten, können PolitikerInnen solche Maßnahmen nicht vertreten und umsetzen. Abwanderung von Wirtschaft, steigende Arbeitslosigkeit und die daraus erwachsenden nationalen Probleme machen solche Maßnahmen aus nationaler Sicht geradezu gefährlich und logischerweise tendenziell unpopulär. Wer globale Interessen politisch vertritt, riskiert Wählerstimmen. Und das ist weltweit so.

Das Problem der WählerInnen in allen demokratischen Nationalstaaten:
Wähler wollen vermutlich politisch mit gestalten, erleben aber das Verhalten von PolitikerInnen und Parteien als Ausdruck von Unwilligkeit oder Unfähigkeit, wirklich etwas zu ändern. Das liegt wesentlich daran, dass selbst wenn PolitikerInnen wählergefällige Programme vertreten, ihr Verhalten in der Regierungsverantwortung überwiegend von den Zwängen des globalen Wettbewerbs bestimmt wird. Wähler fühlen sich deshalb möglicherweise betrogen, vor allem aber erleben sie die Wirkungslosigkeit ihres Votums.

Die Simpol-Selbstverpflichtung:

PolitikerInnen (und Parteien) können öffentlich ihre Selbstverpflichtung bekunden (unterzeichnen), sich für das Maßnahmenpaket von Simpol einzusetzen.

  • PolitikerInnen (und Parteien) werden damit für den Wähler als Simpol-Befürworter sichtbar und wahlentscheidungsrelevant.

Alle Simpol-befürwortenden BürgerInnen unterzeichnen die Selbstverpflichtung, ihre Stimme nur solchen PolitikerInnen (und Parteien) zu geben, die sich Simpol verpflichtet haben.

  • Simpol-Befürworter werden als WählerInnen sichtbar und dadurch mit ihrem Anliegen politikrelevant.
  • faktisch sind Simpol-Befürworter in ihrem Wahlverhalten frei, weil (hoffentlich bald) PolitikerInnen und Parteien aus den verschiedensten Lagern zur Verfügung stehen, aber auch, weil sie lediglich eine Selbstverpflichtung nach eigenem Ermessen eingegangen sind, nicht rechtlich oder moralisch belangt werden können und Wahlen letztlich anonym ablaufen.

Simpol ermöglicht damit allen PolitikerInnen, ManagerInnen und BürgerInnen, ihr aufrichtiges Interesse an globalen Lösungen zu bekunden und politisch wirksam werden zu lassen.
Je mehr Menschen sich Simpol anschließen, desto schwieriger wird es für PolitikerInnen und Parteien Simpol zu ignorieren, denn damit schließt man sich aus dem Kreis der Wählbaren aus.
Der durch den globalen Wettbewerb begründete nationale Zwang, die Interessen des Staates vor globale Interessen zu stellen, kehrt sich auf nationaler Ebene um: Simpol (also die Bereitschaft globale Lösungen umzusetzen) zu unterzeichnen, ist kein Risiko für nationale Politik, da Simpol-Maßnahmen nur dann umgesetzt werden müssen, wenn diese weltweite Zustimmung finden und von allen anderen Nationen ebenfalls umgesetzt werden; Simpol nicht zu unterzeichnen, kostet dagegen Wählerstimmen.

Aufgrund der immer intensiveren Übereinstimmung zwischen individuellen und globalen Interessen kann man davon ausgehen, dass sich immer mehr PolitikerInnen, Parteien und BürgerInnen Simpol anschließen, bis letztlich eine kritische Masse erreicht ist, die genügt, Simpol-Maßnahmen auf nationaler Ebene politisch durchzusetzen.

Die Logik funktioniert in allen demokratischen Staaten, aber auch nicht-demokratische Systeme sollten durch ihre wirtschaftlichen Verflechtungen und die Betroffenheit von vielen der globalen Probleme prinzipiell eher Simpol-Maßnahmen unterstützen.

Autor: Sören Umlauft


Offener Brief an die NGOs – Rückblick auf ein schwaches Jahr

Oktober 31, 2012

Wo stehen wir? 

RIO+20 ist vier Monate her, und wir stehen wieder da, „so klug als wie zuvor“.
Wie der Guardian am 23. Juni berichtet, „klagen zivilgesellschaftliche Initiativen und Wissenschaftler über die Ergebnisse [von Rio+20]. Kumi Naidoo, Chef von Greenpeace International, nennt den Gipfel einen ‚Misserfolg epischen Ausmaßes‘. Wir haben nicht die Zukunft bekommen, die wir wollen, weil wir nicht die Führungspersonen haben, die wir brauchen. Die Anführer der mächtigsten Länder haben ein banales ‚weiter so‘ unterstützt und damit schändlich private Profite über die Völker und den Planeten gestellt‘“.

Was ist los?

Ist es wirklich die Schuld unserer politischen Führungspersonen?
Oder ist es das Denken der NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen), das blind bleibt gegenüber den ökonomischen Fesseln, die unsere Politiker binden?
Fesseln, die sie davon abhalten, so zu handeln, wie wir uns wünschen würden?
Es kann den NGOs nicht entgangen sein, dass wir heute in einer globalen Weltwirtschaft leben, in der Regierungen längst nicht mehr die Macht haben, so zu handeln, wie es sich NGOs, die Öffentlichkeit und wahrscheinlich sogar die Politiker selbst wünschen würden.
In der Tat sind NGOs enttäuscht und werden dies auch weiterhin immer wieder sein – bis sie verstehen, akzeptieren und hinreichend tief verinnerlichen, dass unsere sogenannten Führungsfiguren keinerlei Kontrolle mehr über das Geschehen haben.

Regierungen als Hoffnungsträger?

Die Unfähigkeit der Regierungen, die Rio+20-Ziele zu erreichen, die Millenium Entwicklungsziele zu erreichen oder überhaupt irgendwelche substanziellen Ziele zu erreichen resultiert aus dem Umstand, dass die von allen Nationen unausweichlich benötigten Ressourcen – nämlich Jobs und Investitionskapital – über Kräfte der Ressourcen-Allokation verteilt werden – globale Markt-Kräfte – die sich frei über nationale Grenzen hinweg bewegen.
Das wiederum bedeutet, dass die einzigen Regelwerke, die Regierungen einführen können, solche sind, die Jobs und Investitionen anziehen; in anderen Worten: Regelwerke, welche die internationale Wettbewerbsfähigkeit und Kapital-Attraktivität des Landes aufrechterhalten oder stärken.
Praktisch heißt das, dass jedes Gesetz oder jede Maßnahme, die die Märkte stören oder die Unternehmen mehr kosten könnte – wie zum Beispiel genau solche Maßnahmen, welche NGOs fordern, um den Planeten zu retten – systematisch und unvermeidlich chancenlos sind in unserer politischen Landschaft.
Es ist daher keinerlei Wunder, dass, obwohl unsere Führungen Rio+20 anpreisen als „einen Weg in ein nachhaltiges Jahrhundert“ (was sollten sie auch sonst sagen?!) das Ergebnis-Dokument völlig frei von Details und Ambitionen ist.
In der Tat fehlen Details, Ambition und Klarheit genau deshalb, weil unsere politischen Führungen sehr gut wissen (es aber nie offen zugeben würden), dass ihr Zwang, ihre nationalen Wirtschaften wettbewerbsfähig zu halten, im direkten Konflikt steht mit den Regelwerken, die wir brauchen würden, um die Rio+20-Ziele erreichen zu können!
Unsere Führungen wissen – auch, wenn es die konventionelle NGO-getragene Bewegung für globale Gerechtigkeit noch nicht weiß – dass es in keiner Weise in ihrer Macht steht, die notwendigen Ergebnisse zu liefern.

Unsere Optionen: Adoleszente Abhängigkeit oder erwachsene Autonomie?

Wir müssen uns nun fragen, weshalb NGOs damit fortfahren, unseren Regierungen Vorwürfe zu machen, wenn eigentlich klar ist, dass unsere Regierungen aus systemischen Gründen politisch gelähmt sind. Wenn klar ist, dass sie in einer globalisierten Welt nicht die Macht haben, unsere Forderungen zu erfüllen.

In der Tat sollte es gar nicht schwierig sein für jeden von uns zu realisieren, dass eine globale Ökonomie niemals gerecht oder nachhaltig werden kann, wenn jegliches Regieren und Regulieren lediglich national verankert ist. Weil alles, was in der Lage ist, sich frei über nationale Grenzen hinweg zu bewegen – wie globale Märkte, global agierende Unternehmen (‚world-sourcing‘) und Investitionen/Kapital –immer die Oberhand behalten wird gegenüber allem, das innerhalb von Nationen verwurzelt ist, wie z.B. nationale Regierungen und normale BürgerInnen.
Kein Wunder also, dass selbst die vermeintlich mächtige EU erdrückt wird unter der überlegenen Macht globaler Finanzmärkte.
Kein Wunder auch, dass die nationalen Ökonomien der Eurozone herausgepickt und eine nach der anderen sozusagen bei lebendigem Leib von den Märkten verspeist werden.
Und ebenfalls kein Wunder, dass gewöhnliche BürgerInnen wie Du und ich am Ende den Preis zahlen werden.

Im Licht dieser Analyse müssen wir feststellen, dass die kollektive Grundhaltung der NGOs – der Globalen Gerechtigkeitsbewegung – strukturell in einer Position adoleszenter, pubertärer Abhängigkeit verharrt.
Aus dieser unreifen Haltung heraus fordern NGOs wie Kinder von Politikern gewünschte Handlungsweisen.
Und wie Kinder ihren Eltern machen sie den Regierungen Vorwürfe, wenn ihre ‚Forderungen‘ nicht erfüllt werden.
Wie Kinder können sie (in diesem Punkt!) die Perspektive nicht wechseln. Wenn sie es könnten, würden sie sehen, dass die existierenden Politiker und Regierungen die Forderungen gar nicht erfüllen KÖNNEN.

Globalisiert Euch!

Wenn sie je Wirksamkeit entfalten will, muss die vielfältige und unverzichtbare Bewegung für globale Gerechtigkeit stattdessen fortschreiten in eine Haltung erwachsener Autonomie.
In eine Haltung also, die in der Lage ist, die Kontrolle, die Verantwortung, die Gestaltung zu übernehmen. Das heißt nicht, dass wir die Welt ohne unsere politischen Führungen ändern könnten. Aber anstatt fälschlich zu unterstellen, dass unsere Führungen im Cockpit säßen und uns aus unserer gegenwärtigen globalen Krise führen könnten, werden wir in eine erwachsenere Haltung gehen müssen, in der wir realisieren, „dass die Führung folgen wird, wenn die Bevölkerung führt“.

Eine Haltung, in der wir realisieren, dass wir selbst in das Cockpit steigen müssen.

Dann merken wir vielleicht auch, dass uns nicht so sehr die Führungspersonen fehlen, die wir brauchen, sondern dass uns die NGOs fehlen, die wir brauchen: nämlich NGOs, die in der Lage sind, die bürgerschaftlichen Kräfte auf globaler Ebene so zu bündeln, dass sie fähig werden, die Führungen zu führen.

Aber es wird nicht einfach sein, den Schritt in diese erwachsene Haltung zu machen. Denn wie George Bernard Shaw scharfsinnig beobachtete: „Freiheit bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen die Freiheit fürchten.“ NGOs fürchten die Freiheit natürlich, weil es so viel einfacher ist, im Blame-Game stecken zu bleiben; es ist so viel einfacher, unsere Politiker anzuklagen, obwohl es klar ist, dass sie längst die Macht verloren haben, unsere Forderungen zu erfüllen, selbst wenn sie nichts mehr wollten als das. Solange wir „die da oben“ anklagen, müssen wir nicht selbst die Verantwortung übernehmen.

Anforderungen an eine reife Haltung und aussichtsreiche Strategie

Wann also, könnte man fragen, wird unsere Global-Justice-Bewegung den Mut haben, in angemessener Weise Verantwortung zu übernehmen und eine erwachsene, autonome Position einzunehmen, in der WIR die Kontrolle und Verantwortung übernehmen?
Leichter gesagt als getan, könnte zu Recht eingewendet werden.
Aber drei sehr konkrete Notwendigkeiten können wir definieren, um eine solche Haltung zu entwickeln:
1. Eine Bewegung, die sich auf der Basis organisiert, dass ihre Forderungen von allen oder genügend Ländern gleichzeitig umgesetzt werden sollen. Grund: Nur zeitgleiches, koordiniertes Handeln von praktisch allen relevanten Regierungen kann die erforderliche globale Abdeckung erzeugen, um sich auf das globale Kapital überhaupt auszuwirken. Darüber hinaus kann nur zeitgleiches Handeln die Angst jeder einzelnen Regierung überwinden, sich zuerst zu bewegen.
2. Regelwerke, die nicht von Politikern gestaltet werden (für die globale Ebene wurden sie schließlich nicht gewählt), sondern von der zivilen Weltgesellschaft selbst.
Die Maßnahmen-Paletten würden darüber hinaus multi-thematische Regelwerke enthalten. Damit wird ermöglicht, dass Nationen, die bei einem Thema relative Verlierer gegenüber anderen Nationen sind, dafür bei einem anderen Thema einen kompensatorischen Vorteil erhalten. Ein Beispiel: wenn parallel zu einer Einigung auf eine CO2-Reduzierung eine Transaktionssteuer eingeführt würde, könnten mit den hierdurch generierten immensen Summen die Nationen entschädigt werden, für die das CO2-Thema zunächst am teuersten ist. Das würde auch Länder ins Boot holen, die sich bei einzelnen Themen besonders strecken müssen – wie USA und China beim Thema CO2.
3. Ein Weg für BürgerInnen, ihre Wählerstimme auf eine neue, aber extrem mächtige, transnationale Weise zu nutzen, um die PolitikerInnen aller Parteien dazu zu bewegen, die erforderlichen Regelwerke auch tatsächlich umzusetzen.

Ein realer Plan

Klingt das utopisch?
Nun, wie viele noch nicht wissen, existiert mit Simpol bereits eine Bewegung, die es BürgerInnen auf der ganzen Welt erlaubt, genau das zu tun – und diese Bewegung erreicht zunehmend Beachtung und erste Erfolge. Die Bewegung wird koordiniert von der International Simultaneous Policy Organisation, kurz: Simpol (deutschsprachige Internet-Seite: http://de.simpol.org). Simpol ist eine Vereinigung von BürgerInnen der ganzen Welt, die ihr nationales Wahlrecht auf eine vollständig neue Weise nutzen. Auf eine Weise, die PolitikerInnen und Regierungen dazu bewegt, die globalen Regelwerke einzuführen, die unsere Welt so verzweifelt benötigt.

Was kann ich tun?

Es ist in so vieler Hinsicht ein großer Gewinn, das Blame-Game zu überwinden und eine konstruktive, gestaltende Haltung einzunehmen.
Wenn es also langweilig wird, anklagend und in der Opfer-Rolle zu sein, und wenn Bereitschaft entsteht, weltbürgerliche Verantwortung zu übernehmen: dann sollten wir genau das gemeinsam tun.

[Orginalbeitrag (hier leicht aktualisiert): John Bunzl, Juni 2012, http://simpoluk.wordpress.com/2012/06/25/disappointment-at-the-rio20-outcome-why-am-i-not-surprised/]